Sachsen-Anhalt
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Ehrenamtliche Mitarbeit: Der Garten muss warten

Die Netzwerkerin oder: Der Garten muss warten

„Die Zeiten, wo ich in meinem Garten einfach nur die Beine hochlegen kann, die kommen noch“, ist sich Christel Stoldt sicher. Bis dahin engagiert sie sich lieber, macht etwas, „was mit Menschen“, wie sie sagt. Und das Machen, das ist für die Leiterin der Außenstelle des WEISSEN RINGS im sachsen-anhaltinischen Stendal, von wo aus sie und ihre Mitarbeiter ein flächenmäßig großes Gebiet zu bedienen haben, oftmals mit einem hohen Aufwand verbunden.

„Die Angeklagten kamen in Begleitung. Die meisten Opfer saßen da ganz allein auf ihrem Stuhl.“

2009 stieß Stoldt zum WEISSEN RING. Ihre Motivation? Die 67-Jährige verweist auf ihr vorheriges Ehrenamt als Schöffin an einem Landgericht: „Die Angeklagten kamen in Begleitung, mit Rechtsanwalt, Dolmetscher. Die meisten Opfer saßen da ganz allein auf ihrem Stuhl.“ Nachdem sie angefangen hatte, sich bei der Opferhilfeorganisation zu engagieren, saßen diese Menschen dann oftmals nicht mehr allein auf einem Stuhl. Stoldt, 40 Jahre Lehrerin und mittlerweile pensioniert, konnte gerade den jüngeren Betroffenen, Kindern und Jugendlichen, in solch belastenden Situationen wie einer Gerichtsverhandlung „ein Rettungsanker sein“, wie sie sagt: „Ich bin so froh, dass ich mich daneben setzen und so breit wie möglich machen konnte.“ Ziemlich breit gemacht hat sich auch das Ehrenamt bei der Opferhilfeorganisation in Stoldts Alltag.

Sie selbst widmet sich heute hauptsächlich der Präventions und Öffentlichkeitsarbeit, mindestens vier solcher Veranstaltungen führt sie monatlich durch, diese wollen vor- und nachbereitet sein – das braucht seine Zeit. In der Opferbetreuung kann sie sich auf ein zehnköpfiges Team verlassen, darunter, und das betont sie besonders, auch junge Menschen: Studierende der Hochschule Magdeburg-Stendal, die die Fachrichtung Rehabilitationspsychologie eingeschlagen haben.

„Wir fahren manchmal eine Stunde, um irgendwo hinzukommen“, verweist sie auf eine Besonderheit ihres Einsatzgebietes. Und wenn ihr Kollege in Salzwedel, der ebenfalls ein flächenmäßig großes Gebiet zu betreuen hat, Unterstützung benötigt, nimmt sie eine noch längere Autofahrt in Kauf, um eben dort zu helfen.

Arbeit im Netzwerk

Einen großen Stellenwert besitzt für Stoldt die Netzwerkarbeit. Als Vertreterin des WEISSEN RINGS sitzt sie in der Projektgruppe „Gemeinsam gegen Gewalt“. Die weiteren Hauptakteure des Bündnisses sind das Frauenhaus in Stendal, die dortige Polizei, der Soziale Dienst der Justiz sowie der lokal aktive Verein Miß-Mut, eine Beratungsstelle für Opfer sexualisierter Gewalt. „Wir können Opfern auf ganz kurzem Weg helfen“, schildert sie den Zweck der Projektgruppe. Man kennt und versteht sich, bildet sich gegenseitig fort, weiß, was der jeweils andere leisten kann – „da genügt ein Anruf“, um Gewaltopfern die bestmögliche Unterstützung zukommen zu lassen, erzählt sie. Auch wenn es um die Weiterentwicklung ihrer eigenen Mitarbeiter geht – etwa durch Schulungen durch Vertreter von Notfallseelsorge, Justiz oder Jobcenter –, weiß Stoldt sich ihres ausgedehnten Netzwerks zu bedienen, Strippen zu ziehen, um die Arbeit ihrer Außenstelle weiter zu optimieren.

„Ich war immer schon ein unheimlich aktiver Mensch“, sagt Stoldt, die sich auch über den WEISSEN RING hinaus in weiteren Projekten ehrenamtlich engagiert, „ich brauche jeden Tag eine Aufgabe“. Und sollten ihr diese Aufgaben einmal ausgehen? Dann kann sie immer noch die Beine in ihrem Garten hochlegen.

 

Der Artikel ist erschienen in ForumOpferhilfe 03/2018: https://bit.ly/2yTZNXm

Foto: Nora Knappe